

im Backnanger Bürgerhaus vom 2. - 3. Mai 2008

Die Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg schuf eine Vielzahl von Nationalstaaten, die dennoch einen hohen Minderheitenanteil besaßen, wodurch diese Problematik von Integrations- und Gruppenbildungsprozessen, das Ringen um staatliche, oft eher nationale Identität und die Rolle von Kirchen und Konfessionen in diesen Prozessen wesentlich an Bedeutung gewann. Im Blickpunkt der Tagung standen dabei die deutschen Minderheiten und deren Verhältnis zu den jeweiligen Staaten, wobei in diesem Zusammenhang besonders die Frage aufgeworfen wurde, inwiefern die Kirchen dieses Verhältnis beeinflussten.
Nach einem Grußwort des Backnanger Bürgermeisters, Michael Balzer, eröffneten Norbert Spannenberger und Rainer Bendel als wissenschaftliche Leiter die Tagung, indem sie die Bedeutung der Kirchen in der Zwischenkriegszeit als Stabilisierungsfaktor betonten und diese der These der Entkirchlichung und Entchristlichung der Welt im Zuge der Industrialisierung entgegenstellten. Sie unterstrichen, dass der Kirche als Institution mit Blick auf die deutschen Minderheiten in Europa der Zwischenkriegszeit eine wichtige Funktion zukam, was die Gestaltung des Verhältnisses der Minderheit zum Nationalstaat betrifft. Gleichfalls brachten sie ihre Absicht zum Ausdruck, mithilfe der im Mittelpunkt der Tagung stehenden Untersuchungen auf der Mikroebene der Frage nachzugehen, inwiefern die Kirchen als Kohäsionskraft oder partikularistisch wirkten, politisierten oder apolitisch auftraten.
Rainer Bendel begann die Vortragsreihe mit einer Studie zur „religiösen und völkischen Erneuerung“ in Böhmen. Dieser Problematik näherte er sich, indem er zwei biographische Skizzen von deutsch-böhmischen Theologen vorstellte: Der Prager Professor Karl Hilgenreiner, ursprünglich ein Vertreter des dynastietreuen Klerus, sah nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie die Rolle der deutschen katholischen Kirche darin, die nationalen Belange der deutschen Minderheit zu vertreten. In seinen Schriften propagierte er dementsprechend eine Symbiose religiöser und völkischer Erneuerungsbewegungen, die nach 1918 in Konkurrenz zur kirchlichen Ideologie getreten waren. Gleichzeitig aber unterstrich er immer wieder die Kooperationsbereitschaft mit den politischen Kräften des tschechischen Katholizismus, um die nationalen Spannungen nicht eskalieren zu lassen. Als einen Exponenten der jüngeren Generation stellte Bendel diesem Paul Sladek gegenüber. Dieser begriff den Klerus gleichsam als Träger einer nationalen Mission und gleichzeitig als Promotoren der religiösen Erneuerung der Sudetendeutschen.
Was Bendel anhand zweier Vertreter des Klerus aufzeigte, verallgemeinerte Jaroslav Šebek in seinem Vortrag „Religiöse und nationale Erneuerung in den tschechischen und sudetendeutschen Milieus im Vergleich.“ Er wies darauf hin, dass sich die tschechische katholische Kirche nach 1918 in einer Sinnkrise befand, da sich der tschechoslowakische Staat im starken Maße auf nichtkatholische Traditionen – vor allem auf hussitische – berief. Die Kirche reagierte darauf mit einer Annäherung an die völkische Bewegung, was auch am vorherigen Beispiel des Theologen Sladek deutlich geworden war. Ebenso verhielt sich die ‚sudetendeutsche‘ katholische Kirche gegenüber der deutschen völkischen Erneuerung, was sich in einer ausgeprägten Jugend-, Laien- und Ordensbewegung ausdrückte. Trotz der einheitlichen Konfession wirkte die Kirche in Böhmen demnach nicht einheitsstiftend, da sie durch die Aufnahme völkischer Elemente zur Stütze des Nationalstaats wurde und nicht zu dessen Korrektiv.
Den Blick nach Westeuropa richtend, rückte Christiane Kohser-Spohn das Elsass in den Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Region entwickelte infolge des in der Geschichte häufigen Wechsels der politischen, kulturellen und auch sprachlichen Bezugspunkte ein partikularistisches Selbstverständnis. Interessant dabei ist aber die konfessionelle Spaltung der Bevölkerung in germanophile Protestanten und frankophile Katholiken, wobei auch letztere aufgrund des französischen Laizismus eine gewisse Distanz zu Frankreich bewahrten und ihre Eigenständigkeit betonten. Kohser-Spohn schloss ihren Vortrag, indem sie den großen Forschungsbedarf hervorhob, der bezüglich der Minderheit des Elsass noch besteht.
Ein weiterer Loyalitätskonflikt in einem Grenzraum bestand in Südtirol, dem sich Hans Heiss zuwandte. Nach der Angliederung dieser rein katholischen Region an Italien bildete die Kirche den Rückzugsort und Stabilitätsfaktor für die Identität der Südtiroler. Nach dem Konkordat von 1929 kam es zu einer Annäherung zwischen der Kirche und dem faschistischen Italien, wodurch ihre abgrenzende Rolle für die deutsche Minderheit schwand, der Staat zugleich aber auch zu Konzessionen bereit war. Hierin trat die Kirche als Vermittler auf und förderte in gewisser Weise die Entschärfung des Minderheitenkonflikts.
Auf der Mikroebene näherte sich Andrzej Michalczyk der Rolle der katholischen Kirche im Verhältnis zwischen Polen und Deutschen im polnischen Teil Oberschlesiens. Anhand zweier Fallbeispiele zeigte er auf, wie das Gemeindeleben zum Teil von den Nationalisierungsprozessen überlagert wurde. Das Entstehen und Vermeiden von Konflikten wurde vom Verhalten des polnischen Klerus wesentlich beeinflusst. So konnte ein Pfarrer apolitisch auftreten und ethnische Spannungen innerhalb der Gemeinde überbrücken, ein anderer aber gezielt polonisieren. Die Rolle der Kirche lässt sich in diesem Fall also nur schwer generalisieren, da sie vom individuellen Verhalten der hiesigen Geistlichkeit abhing.
Von einer erfolgreichen Politisierung der deutschen Minderheit im Sinne des Nationalstaats sprach Szilárd Wagner. Er bezog sich dabei auf die Volksabstimmung 1921 in Ödenburg/ Sopron an der ungarischen Grenze zu Österreich, in welcher die Bevölkerung trotz eines deutschen Anteils von 48% mit großer Mehrheit für den Verbleib in Ungarn stimmte. Daraus zog er den Schluss, dass dem Plebiszit eine Politisierung der Grenzfrage im überwiegend lutherischen Milieu durch den Klerus vorausgegangen war, welcher die Wahl Ungarns als Heimatland und gleichzeitig das Bekenntnis zur deutschen Nation propagierte.
Der Frage, warum ein rein deutsches, mehrheitlich katholisches Dorf in Süd-Transdanubien nicht zum Träger einer deutsch-nationalen Gesinnung wurde, ging Gábor Gonda nach. Er stellte vielmehr heraus, dass sich die Dorfbewohner in einem vornationalen Status befanden und einer Magyarisierung durch die Dorfelite, bestehend aus Pfarrer und Lehrer, zugänglich waren. In diesem Dorfpfarrer tritt uns der Prototyp des deutschen Assimilanten entgegen, der den christlich-nationalen Kurs der Horthy-Ära mittrug. Die Kirche entfaltete in diesem Fall also eine homogenisierende Wirkung, die in der Ausrichtung der deutschen Minderheit auf den ungarischen Staat bestand.
Die dagegen stärker nationalisierten deutschen Lutheraner in Bessarabien gerieten in der Zwischenkriegszeit mit den Rumänisierungsbestrebungen des Staates in Konflikt, worauf Cornelia Schlarb einging. Die deutsch-lutherische Kirche war nicht in der Lage, die sozialen und kulturellen Belange der Minderheit zu vertreten, wodurch vor allem die jüngere Generation nach 1933 empfänglich wurde für nationalsozialistische Strömungen.
Im Rahmen eines öffentlichen Abendvortrags sprach Hans-Jürgen Bömelburg über die „Religiöse und völkische Erneuerung bei den Deutschen in Polen“, worin er die konfessionelle und regionale Vielfalt der Deutschen hervorhob. Diese verhinderte die Bildung einer einheitlichen Nationalbewegung. Dennoch war durch die Politik des polnischen Staates eine Tendenz zur Nationalisierung der Deutschen zu konstatieren. Den Kirchen kam dabei zum Teil eine wichtige Rolle als formative Kraft und Sammlungsinstanz zu.
Im Vergleich mit anderen deutschen Minderheiten in Südosteuropa waren die Siebenbürger Sachsen nach 1933 besonders empfänglich für den Nationalsozialismus, wofür Paul Milata in seinen Ausführungen wirtschaftliche Entwicklungen in den 1920er Jahren verantwortlich machte, da der rumänische Staat durch seine Maßnahmen die deutsche Minderheit benachteiligte. Die evangelische Kirche begegnete der wirtschaftlichen Benachteiligung und den damit einhergehenden Problemen beispielsweise im deutschsprachigen Schulwesen mit einer Erhöhung der Kirchensteuer. Dieser Umstand führte zur Abwendung weiter Bevölkerungskreise von der Kirche als soziale Instanz, an deren Stelle Vereine traten, die nach außen Wirtschaftshilfe leisteten, nach innen aber nationalsozialistisch politisierten. Die Rolle der Kirche als einheitsstiftender Faktor schwand daher kontinuierlich.
Bei den mehrheitlich katholischen Donauschwaben kam es in der Zwischenkriegszeit zu keiner nennenswerten Nationalisierung, wie Carl Bethke konstatierte. Was Gábor Gonda an einem Beispiel aus Ungarn zeigte, konnte Bethke für die Gesamtheit der Donauschwaben in Kroatien festhalten: Die Bevölkerung orientierte sich vornehmlich an der katholischen Kirche, deren deutsche Träger kroatisch-national gesinnt waren. Die konfessionelle Übereinstimmung erleichterte in diesem Fall die Integration der deutschen Minderheit. Dieser Umstand zeigt sich auch darin, dass bei den zahlenmäßig wesentlich geringer vertretenen deutschen Protestanten ein nationalistischeres Potential bestand. Das Hauptmoment bei der Nationalisierung der Donauschwaben in Kroatien bildete erst der autoritäre Umbruch in Belgrad 1929 und der erstarkende Einfluss des Nationalsozialismus.
Zoran Janjetović zeigte ein heterogenes Bild der katholischen Kirche in der Wojwodina in Bezug auf das Selbstverständnis der dort lebenden Donauschwaben. Hatte der dortige deutsche Klerus vor 1918 ein ausgeprägt ungarisches Staatsbewusstsein, so änderte sich dies durch die Einflussnahme des Königreichs SHS, dem die Region nach dem Ersten Weltkrieg angegliedert wurde. Die staatlich Ausbildung der Priesterschaft sollte einen Loyalitätswandel hin zum südslawischen Staat herbeiführen, wobei auf das Mittlerpotential der Kirche zwischen Staat und deutscher Minderheit gehofft wurde. Jedoch trat die Kirche nicht nur als verlängerter Arm des Staates auf. Es gab durchaus auch Geistliche, die sich für nationale Belange der Deutschen einsetzten, wie der Forderung nach muttersprachlichem Unterricht.
Einen Blick auf die Sathmarer Schwaben warf Josef Wolf, der feststellte, dass sich diese Volksgruppe, da sie infolge des Friedensvertrages von Trianon zur Grenzminderheit wurde, sehr viel stärker nationalisierte als wir es bei Bethke oder Gonda gesehen haben. Die Kirche jedoch erwies sich dabei nicht als Stütze, da sie auch in der Zwischenkriegszeit in der Tradition der Magyarisierung stand.
Die Vorträge in ihrer Gesamtheit machten deutlich, dass der Kirche in der Zwischenkriegszeit vor dem Hintergrund der Minderheitenkonflikte eine durchaus bedeutende und komplexe Rolle zukam, die freilich regional und konfessionell variierte und nicht verallgemeinert werden kann. Der Fokus der Vorträge richtete sich dabei auf die Zeit vor 1933, wobei in der abschließenden Diskussion deutlich wurde, dass die Übergänge fließend sind und das Jahr 1933 keine scharfe Zäsur darstellt. Dennoch wurden Forschungslücken gerade für die 1920er Jahre erkannt im Vergleich mit der sehr viel intensiver erforschten Periode zwischen 1933 und 1945, was den zeitlichen Schwerpunkt der Konferenz rechtfertigt: In den Vorträgen und in der Diskussion der Tagung wurden die Brüche und Transformationsprozesse in Politik und Gesellschaft, ansatzweise auch in der Wirtschaft, angesehen und dem weitgehend die Kirche gegenübergestellt, dabei aber nur inchoativ berücksichtigt, dass es auch in den Kirchen verschiedenartige Strömungen gab, die nicht selten zu Konfrontationen führten, dass es auch dort in der zur Diskussion stehenden Zeit Transformationsprozesse gab, sowohl als Folge von oberhirtlichen Verordnungen, etwa die Katholischen Aktion wie auch durch die Rezeption der Aufbruchsbewegungen auch in den Regionen, die in der Tagung thematisiert wurden, spätestens seit Mitte der 20er Jahre; dazu kommen all die Ambivalenzen in den Aufbruchsbewegungen, die dann auch schnell zu der Verquickung von "religiöser und völkischer Erneuerung" führen konnten. Schließlich könnte auch die Selbstreflexion der Kirchen und ihrer Rollen in der Theologie aufschlußreich sein.
Zum Abschluss sei darauf hingewiesen, dass ein die Beiträge der Tagung umfassender Sammelband zeitnah erscheinen soll.
Bericht von Marcus Fischer und Patricia Kroschwald
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